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Wenn Jugendliche eigene Kirchen bekommen PDF  | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Thomas Kr?ger / Evangel. Nachrichtenagent. IDEA   
18.10.2005
Ökumenisches Symposium zu Jugendkirchen: An der modernen Jugendkultur orientiert
von Thomas Krüger, mit freundlicher Genhemigung der evangel. Nachrichtenagentur  www.idea.de
„Ich freue mich, daß unsere Erfahrungen hier auf viel Interesse gestoßen sind“, zog Winfried Rudloff von der Jugendkirche „Tragwerk“ aus Berlin-Hohenschönhausen Bilanz. Gemeinsam mit Julia Schönfelder und Thomas Bliese war er aus der Hauptstadt nach Oberhausen gereist, wo sich 200 Aktive aus Jugendkirchen in ganz Deutschland drei Tage lang zum ökumenischen Symposium „Innovation Jugendkirche“ trafen. Das Projekt „Tragwerk“ der Christus-Gemeinde, einer eigenständigen evangelischen Freikirche in Berlin, zählt zu den Pionieren der deutschen Jugendkirchen-Szene. Seit sieben Jahren versammeln sich dort Jugendliche in einer ehemaligen volkseigenen Gaststätte jeden Samstagabend zum selbstgestalteten Jugendgottesdienst; sie treffen sich in der Woche zu Hauskreisen und fahren gemeinsam auf Freizeiten. Den Raum stellt die Christusgemeinde gegen eine symbolische Miete zur Verfügung, außerdem beteiligt sich „Tragwerk“ am Gehalt des Pastors, der den ausschließlich aus jungen Leuten bestehenden Leitungskreis theologisch berät.
Mit Graffiti geschmückte Kirche
Die Freikirche stand in den 90er Jahren vor dem gleichen Problem wie evangelisch-landeskirchliche oder katholische Kirchengemeinden: Die Jugendlichen ließen sich kaum noch in den „normalen“ Gottesdienst integrieren – der Kultursprung war einfach zu groß. Angestoßen von Beispielen in Großbritannien, reagierten zunächst die Freikirchen und freie Initiativen mit der Gründung von Jugendkirchen, die sich in Musik, Gottesdienst und Aktionen an der modernen Jugendkultur orientieren. Seit fünf Jahren ziehen die großen Volkskirchen nach – Ideengeberin vieler Projekte ist die katholische Jugendkirche TABGHA in der Ruhrgebietsstadt Oberhausen. In die mit den Zehn Geboten in der künstlerischen Interpretation jugendlicher Graffiti-Sprayer geschmückte Kirche hatte die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (AEJ) gemeinsam mit der katholischen Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (AFJ) eingeladen.
Von Anfang an wurde deutlich, daß der Begriff Jugendkirche schillernd ist – „so vielfältig wie die Jugendlichen selbst“, meinte der evangelische Theologieprofessor Ulrich Schwab in seinem Hauptvortrag. Da gibt es die Jugendkirchen vor allem in den Großstädten, die Spiritualität und Eventkultur miteinander zu verbinden suchen und bewußt auf Jugendliche zugehen wollen, die seit Jahren keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt haben. Dazu zählen Projekte wie TABGHA oder die seit einem Jahr bestehende evangelische Jugendkirche Hannover, die in eigens zur Verfügung gestellten Kirchgebäuden arbeiten. Andere Projekte verstehen sich eher als Jugendgemeinde, die eine geistige Heimat für Jugendliche bieten wollen, die sich verbindlichere Formen gelebten Glaubens wünschen. Sie sind vorwiegend im freikirchlichen Bereich zu finden, aber auch die württembergische Landeskirche hat in der „MOC Jugendgemeinde“ in Stuttgart-Leonberg ein solches Pilotprojekt.
Gegen Jugendkirche „von oben“
Als Weiterentwicklung gegenüber der klassischen Jugendarbeit wurden übereinstimmend das Angebot eines ständigen eigenen Raumes und die maßgebliche Beteiligung der Jugendlichen selbst bei der Raum- und Programmgestaltung gewertet. Insbesondere für katholische Vertreter wie Christian Scharnberg von der katholischen AFJ ist der sakrale Charakter des Raumes ein entscheidender Faktor. Wenn Jugendliche die Auswahl haben, ziehen sie in der Tat eine Kirche vor, stellte auch Professor Schwab fest. Winfried Rudloff von der Christusgemeinde relativierte dies. Vor allem brauche es Personen, „die einen guten Draht zu Gott und zu den Jugendlichen haben“. Wiederholt wurde davon abgeraten, eine Jugendkirche „von oben“ ohne jugendliche Mitsprache „zu installieren“.
Oft zu hören war in Oberhausen der Hinweis, die Jugendkirchen sollten keinesfalls die Jugendarbeit in den Ortsgemeinden und christlichen Jugendverbänden überflüssig machen. Befürchtungen, die Jugendkirchen könnten die dort Engagierten „abziehen“, seien aufgrund bisheriger Erfahrungen unbegründet, beruhigte Ulrich Schwab. Bei neuen Projekten sollten die Gemeinden zum frühestmöglichen Zeitpunkt informiert werden, um Ängste abzubauen und Chancen aufzuzeigen. „Die Jugendarbeit kann von den Jugendkirchen vielmehr neue Impulse erhalten“, erhofft sich Michael Freitag, Grundsatzreferent der AEJ. Verbindungen sollten auch zu Konfirmandengruppen und Religionsklassen gesucht werden. Die evangelische Jugendkirche Hannover hat dafür bereits Bausteine entwickelt.
Kirchenmitglieder rekrutieren?
Gegensätzlich diskutiert wurde darüber, ob es ein legitimes Ziel von Jugendkirchen sein dürfe, neue Kirchenmitglieder zu gewinnen. Der evangelische Professor Schwab erklärte, zwar dürfe es in Jugendkirchen nicht in erster Linie um die „Rekrutierung von Nachwuchs“ gehen, aber „verboten ist dies keineswegs“. Offen blieb, inwieweit die Jugendkirchen dem Glauben „fernstehende“ Jugendliche tatsächlich auch außerhalb spektakulärer Events wie Klettern oder Skaten in der Kirche erreichen. Ein katholischer Experte: „Zunächst hat man doch die kirchlich Engagierten im Haus, die dann Botschafter für die Distanzierten sein müssen.“
Säkulare Feiern in der Kirche
In einem der 13 Workshops erörterten Tagungsteilnehmer die Frage, ob man bei Mission, Evangelisation und Verkündigung in Jugendkirchen „bei Null anfangen“ müsse. „Keineswegs“, antwortete der katholische Jugendpfarrer Bernd Hillebrand aus Ravensburg. „Die religiöse Disposition ist bei den Jugendlichen vorhanden.“ Andererseits sei die missionarische Arbeit auch in den Jugendkirchen nicht leichter geworden. Hillebrand riet, an der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen anzusetzen: In besonderen Lebensphasen wie etwa beim Erreichen der Volljährigkeit mit allen daraus entstehenden Rechten und Pflichten seien junge Leute besonders ansprechbar. Der Glaube sei nur über persönliche Beziehungen vermittelbar – direkt im Gottesdienst und „auf Nachfrage“ bei anderen Begegnungen und Ereignissen. Einen anderen Weg zeigte Landesjugendpastor Hendrik Kissel vom baptistischen Gemeindejugendwerk Berlin-Brandenburg auf. Er holt profane und säkulare Feiern und Veranstaltungen in die Kirche und verbindet diese mit einer Kurzpräsentation der gastgebenden Gemeinde. Dies sei zugleich Imagepflege, um Vertrauen zu gewinnen. Das Gemeindejugendwerk reise mit einem mobilen Kletterturm durch Deutschland. Die „Kletter-Events“ werden jeweils für wenige Minuten unterbrochen, um den Teilnehmern „einen Aspekt des Evangeliums nahezubringen“.
Nicht einschüchtern lassen
Daß die Jugendkirchen-Bewegung in den Kirchen auf wachsendes Interesse stößt, zeigte in Oberhausen die Anwesenheit des rheinischen Präses Nikolaus Schneider und des katholischen Jugendbischofs Franz-Josef Bode am Beginn des Symposiums. Schneider rief die Tagungsteilnehmer dazu auf, mutig zu sein und sich nicht einschüchtern zu lassen, auch wenn ungewohnte Formen andere irritieren. Der Präses zeigte sich wie Bischof Bode erfreut über die ökumenische Zusammenarbeit der Jugendkirchler. Um so „schmerzvoller“ (AEJ-Referent Freitag) war es für die Veranstalter, die evangelischen Tagungsgäste bitten zu müssen, an der Eucharistiefeier während der regulären sonntäglichen TABGHA-Jugendmesse nicht teilzunehmen. Doch die 200 Aktiven ließen sich durch diese theologische Differenz nicht verunsichern und wollen ihre Zusammenarbeit ausbauen. Ein Initiativkreis berät nun die Gründung eines bundesweiten ökumenischen Netzwerks, das den Informationsfluß unter den bislang über 70 Jugendkirchen-Projekten intensivieren und an den unterschiedlichen Konzepten weiterarbeiten soll.



 
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